Repro – Willy Schoch



Heinrich Kautzmann
(* 1878 + 1965)




Das idyllische Kaltbrunner Tal mit dem Bürlehof und dem Seppleshof.
Beide Höfe wären Opfer des ersten Staubeckens geworden




Das alte Waldhüterhaus im hinteren Kaltbrunner Tal.
Auch dieses Gebäude wäre unter dem Wasserspiegel des zweiten Staubeckens verschwunden




Staustufe 1 und 2 mit den Zuleitungen aus den Gebirgsbächen Reinerzau, Kaltbrunn, Wittichen und Wolf und der Weiterführung zum Kraftwerk unterhalb Schenkenzell

Großwasserkraftanlage im Kaltbrunner Tal

Heimatgeschichte / Ersatz für Kohle / Fabrikant Kautzmann ging Projekt an
 

Von Willy Schoch
 
Vom Wasserrad zur Turbine. Ein weiter Weg.
In der Weimarer Zeit plante der Schenkenzeller Fabrikant Heinrich Kautzmann ein Großprojekt. Energieerzeugung durch Wasser anstatt Kohle im Kaltbrunner Tal.

 
Der erste Weltkrieg war zu Ende. Deutschlands Industrie entwickelte sich anfangs der Weimarer Republik recht schnell, im Gegensatz zu unserem Nachbarn Frankreich. Dies trotz der zu erfüllenden Reparationsleistungen nach dem Versailler Vertrag. Die Industrie benötigte vermehrt Energie. Nachdem fortan ein Großteil der Kohle aber über den Rhein ging und der Rest im Land immer teurer wurde, wurden Wissenschaftler und Techniker geradezu gezwungen, Ersatz für die „weiße Kohle“ zu schaffen. Ziel war die Ausnutzung der Wasserkraft.
 
Für das Badenwerk waren die Pläne der Ausbau eines zweiten Murgwerkes und der Ausbau des Schluchsees. Die Stadt Karlsruhe hatte ein Kraftwerk bei Schenkenzell und ein Nagoldwerk in Aussicht genommen. Mit der Fertigstellung der letzten zwei Bauwerke „habe wir mit rund 102 Millionen Kilowattstunden eine Masse von Strom“ so die Stadtwerke Karlsruhe.
 
Das Wasser im Kaltbrunner- und Reinerzauer-Tal war in der Vergangenheit schon immer begehrt.
War es doch der Bau einer Talsperre im Bernecktal in den Jahren 1978-1981 zum Zwecke der Trinkwasserversorgung mit einem Fassungsvermögen von 13 Millionen Kubikmeter. Zwischenzeitlich werden 250.000 Einwohner über eine 220 Kilometer langes Netz mit klarem und farblosem Wasser versorgt. Damit wurden die Sorgen vieler Städte und Gemeinden gelöst.
 
Damit aber nicht genug. Die Kraftwerke im mittleren Neckarraum benötigten zusätzliches Kühlwasser, um den Verdunstungsausfall zu ersetzen. Wurde aus ökologischer Sicht für den Neckar notwendig. Drei Millionen Kubikmeter sollten es schon sein und dies aus dem Staubecken der Kleinen Kinzig bzw. durch eine Beileitung von Wasser aus dem Einzugsbereich Roßberg im Kaltbrunner Tal. Recht kontrovers wurde 1987 über dieses Thema in den Gemeinderatsgremien und der Bevölkerung diskutiert. Durch Ausführung kam die Überleitung von Schwarzwaldwasser in den Neckar dann aber doch nicht.
 

Nutzung zur Gewinnung von Energie

Nicht als Trinkwasser, auch nicht als Kühlwasser sollte das Wasser im Kaltbrunner Tal genutzt werden, sondern zur Gewinnung von Energie.
Die ersten Überlegungen wurden 1921 angestellt. Gesuchsteller für den Bau einer Großwasserkraftanlage war die in Schenkenzell ansässige Firma Schwarzwälder Textil-Werke. Von Heinrich Kautzmann 1919 gegründet. Angefangen hatte Kautzmann mit der Produktion von hochwertiger Reißbaumwolle, gebleichten und dosierten Fasern. Heute werden Faserfüllstoffe und Faserkurzschnitte hergestellt. STW, ein Familienunternehmen in der vierten Generation, kann in diesem Jahre ihr 100jähriges Firmenjubiläum feiern. Die Fabrikation wurde schon damals und noch heute mit aus der eigenen Wasserkraft gewonnenen Energie betrieben.
 
Diese Firma, ein recht kleiner Betrieb, wagte damals ein Projekt ganz allein, dessen Durchführung vom Umfang und von den Baukosten her nahezu unvorstellbar war. Ausgangspunkt war das Wasser des Kaltbrunner Baches, der Reinerzau und des Witticher Klosterbaches in einem Becken im Kaltbrunner Tal in Höhe des Burgfelsen zu stauen.
 
Zuerst wandte sich Heinrich Kautzmann an die Behörden und Ministerien um abzuklären, ob gegen die Ausnützung des Wasser in diesen Gebirgsbächen von öffentlicher Seite Bedenken bestehen. Die Gemeinde Kaltbrunn und die Grundstückseigentümer wussten von dieser Absicht offiziell nichts davon. Erst als die ersten Messungen und Aufzeichnungen im Tal gemacht wurden, verlangten sie Informationen. Wortführer war der damalige Tierarzt Dr. Wilhelm Becker.
 

1922 – Einreichung des offiziellen Gesuches

Im Januar 1922 reichte die Firma Schwarzwälder Textil-Werke GmbH das offizielle Gesuch zum Bau einer Großwasserkraftanlage ein. Aber erweitert gegenüber dem bisherigen Entwurf. Gebaut werden sollte zusätzlich ein zweites Staubecken im hinteren Kaltbrunner Tal. Mit der Überleitung von Wasser der
oberen Wolf sollte das Projekt wirtschaftlicher betrieben und die Kraftversorgung erhöht werden. Diese Erweiterung war der Wunsch der Stadt Karlsruhe, die von da ab mit der Firma STW gemeinsam das Großprojekt angehen wollte. Karlsruhe brauchte dringend zusätzliche Energie. Federführend blieb die Schenkenzeller Firma. „Die Seele des ganzen Unternehmens soll die Firma STW sein“. Die Kosten für die weitere Planung übernahm fortan die Stadt Karlsruhe.
 
Mit dem Bau sollte innerhalb von 2 Jahren begonnen werden. Sie hatten es deshalb so eilig, weil man dem Staat zuvorkommen wollte. Zu klären war vorweg von Heinrich Kautzmann einmal mit Unterstützung eines Karlsruher Planers und Ingenieurs die Ablösung bestehender Wassertriebwerke im Kaltbrunnertal und Wolftal. Im Wolfgebiet waren es fünfundzwanzig Triebwerke und im Gebiet der Reinerzau drei kleinere, ein Sägewerk, eine Dorfmühle und die vom Gesuchsteller betriebenen größeren Anlagen der Fabrik Wittichen, des Werkes Mühle und der Kunstbaumwollfabrik in Schenkenzell. Insgesamt gesehen wurde von rund 4,5 Millionen Kilowattstunden Triebwerksablösungen ausgegangen. Wichtig war in dieser Zeit vor allem die Wiesenwässerung und der Ausgleich des Futterausfalles. Der Abbruch von zwei Hofgebäuden und eines Waldhüterhauses, die Ersatzbeschaffung von landwirtschaftlichen Flächen bis hin zu neuen Wegebauten war alles vorweg zu klären.
 
Die geologischen Gutachten für den Bau der Becken und Stollen fielen positiv aus. Das vorgefundene Urgestein von Granit und Gneis wurde als günstig für die Gründung bewertet. Für das Wasserangebot wurden Pegel- und Niederschlagsauswertungen der Jahre 1911 bis 1919 herangezogen.
 
Die Ausbaupläne für die Großwasserkraftanlage wurden auf Kosten der Stadt Karlsruhe weiter ausgearbeitet und die Kosten auf den neuesten Stand gebracht. Das Großprojekt im Einzelnen:
 

Zwei Staubecken im Kaltbrunner Tal

Im Kaltbrunner Tal entstehen 2 Staubecken mit einem Fassungsvermögen von je 2,5 Millionen Kubikmeter Wasser. Gesamteinzugsbereich 106 Quadratkilometer.
Das untere Staubecken in Höhe des östlichen Burgfelsens soll eine Staumauer von 35 Meter Höhe erreichen. Gespeist wird das Becken mit Wasser aus der Reinerzau, dem Kaltbrunner Bach und dem Klosterbach Wittichen. Die Zuführung von der Reinerzau und Klosterbach erfolgt durch Stollen. Die beiden Höfe Bürlehof und Seppleshof müssten weichen. Stauende wäre der Bereich des jetzigen Sportplatzes gewesen.
 
Aus Gründen der Wirtschaftlichkeit entschloss sich die Stadt Karlsruhe im Gegensatz zu Heinrich Kautzmann für den Bau eines zweiten Staubeckens ab dem Bereich Bühlhof mit einer noch höheren Staumauer aber dem gleichen Fassungsvermögen. Gespeist worden wäre dieses Becken mit Wasser aus dem Roßbergbereich, Grüß-Gott-Tal und dem Wolftal. Die Fassung der Wolf wäre erfolgt unterhalb Rippoldsau zusätzlich mit dem Gebirgsbächen Seebach, Wildschapbach und weiten kleineren Quellbächen.  Die Überleitung sollte über Freispiegelstollen und teils hölzernen Hangrohre erfolgen. Das Waldhüterhaus in Hinterkaltbrunn hatte dem Stauwasser weichen müssen.
 
Vom Bühlhofspeicherbecken wäre dann das Wasser in einer Hangdruckrohrleitung zum Wasserschloss am Kapellenberg geleitet und in einem Kraftwerk mit Turbinen und Generatoren von 6000 PS-Leistung Strom erzeugt worden. Das Restwasser ging dann weiter in das untere Talbecken.
 
Die Ausnützung des Wassers vom unteren Staubecken im Tal sollte dann letztendlich in einem Kraftwerk an der Kinzig südlich von Schenkenzell oberhalb des sogenannten Haldenwinkels erfolgen und zwar eine Verbindung mit Druckstollen und zum Schluss mit einer eisernen Fallleitung.
In Kraftwerk Haldenwinkel waren Generatoren und Turbinen von 12.000 PS-Leistung vorgesehen. Am Schluss landete das Überwasser der Reinerzau, des Kaltbrunner Baches und der oberen Wolfach in einem Ausgleichsbecken im Bereich des Haldenhofes und dann in der Kinzig.
 

Baukosten 155 Millionen Mark

Der Plan für das Großprojekt stand soweit. So langsam war in Anbetracht des erheblichen Kohlemangels im Raum Karlsruhe und Mannheim Eile geboten.
Es kam Bewegung auf. Die fortgeschriebenen Gesamtkosten wurden zwischenzeitlich auf rund 155 Millionen Mark veranschlagt. Für beide Stufen wurde eine Jahreserzeugung von 32,9 Mio Kilowattstunden errechnet. Davon gingen noch 4,5 Millionen Kilowattstunden ab für Ablösungen.
Eine enorme Summe. Zwischenzeitlich kamen weitere Geldgeber zur Finanzierung des Projekts ins Boot. Mitte 1923 stieg die Stadt Karlsruhe aus, während die Badische Elektrizitäts-Gesellschaft Mannheim und ein Bankhaus aus Berlin ihr Interesse bekundeten. Letztendlich ging es auf die Bildung einer Aktiengesellschaft hinaus, bei welcher Heinrich Kautzmann und Gustav Jahn ein Sechstel Anteil gehabt hätten.
 
Was kam, war die Währungsreform im November 1923. Das war dann ganz schnell das Ende eines von der Schenkenzeller Firma Schwarzwälder Textil-Werke betriebenen Projektes. Alles Anstrengungen von Fabrikant Heinrich Kautzmann und seinen Unterstützern über die Jahre waren umsonst.
 
Die ganze Geschichte lebte aber im Juni 1939 auf. Vom Reich her kam wiederholt die Aufforderung zur Einsparung von Kohle. Diese hätte in der chemischen Industrie wichtigere Aufgaben zu erfüllen. Die Nutzung von Wasserkraft kam wieder ins Spiel. Spitzenkraftwerke sollen angelegt werden. Die Reichsregierung verlangt eine Inventarisierung der noch nicht vergebenen Wasserkräfte im Schwarzwald. Darunter zählt auch die in den Jahren 1921/1922 von der Stadt Karlsruhe näher bearbeiteten Werke im Flussgebiet Reinerzau – Wolf – Kinzig. Dieses Großkraftwerk erwies sich damals als ausbauwürdiges Spitzenwerk. Geeignet, der Stadt billige Spitzenkraft zu liefern.
 
Dass die Stadt Karlsruhe damals vom Ausbau dieser Wasserkraft absah, „lag in der langen Bauzeit und den damaligen finanziellen Verhältnissen und der unsicheren Lage begründet“. Nochmals wurden die Kosten hochgerechnet auf 12 bis 15 Millionen Reichsmark bei einer Jahreserzeugung von 24 Millionen Kilowattstunden. Mit noch größeren Staubecken könnte die Erzeugung und Wirtschaftlichkeit noch erhöht werden. Bei dieser Überlegung blieb es aber dann.
 

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